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Paartherapie BochumBirgit Baumann

ADHS in der Partnerschaft

Vergessene Absprachen, unterschiedliche Geschwindigkeiten, das Gefühl, ständig ermahnen zu müssen. Mit dem richtigen Verständnis wird daraus ein lösbares Thema statt eines Charakterurteils.

Kommt Ihnen das bekannt vor

Wenn das Ihr Alltag ist

  • Eine Person erinnert, plant und behält den Überblick – und ist erschöpft davon.
  • Die andere Person fühlt sich dauernd korrigiert und nie gut genug.
  • Absprachen werden getroffen und lösen sich im Alltag auf.
  • Gespräche über Organisation enden zuverlässig im Streit.
  • Sie haben das Gefühl, keine Partnerschaft mehr zu führen, sondern eine Verwaltung.

Weshalb ADHS eine Beziehung anders belastet als andere Themen

Unterschiedliche Bedürfnisse stehen bei den meisten Paarthemen im Vordergrund. Hier tritt etwas Weiteres dazu: die Voraussetzungen selbst unterscheiden sich. Bei ADHS arbeiten Aufmerksamkeitsregulation, Zeitgefühl, Arbeitsgedächtnis und Impulskontrolle anders. Das ist keine Frage von Anstrengung oder Wollen.

Im Alltag fällt genau das schwer zu glauben. Vergisst jemand eine Verabredung, die ihm wichtig war, wirkt das wie mangelndes Interesse. Fängt jemand fünf Dinge an und beendet keines, wirkt das wie Nachlässigkeit. Nahe liegt die Deutung – und in diesem Fall ist sie falsch.

Die eigentliche Belastung entsteht aus dieser falschen Deutung. Nicht die vergessenen Termine tragen sie, sondern das, was beide daraus über sich und den anderen schließen.

Das Eltern-Kind-Gefälle

Die häufigste Entwicklung, die ich sehe: Immer mehr Verantwortung für die Organisation übernimmt eine Person. Erinnern, planen, mitdenken, nachprüfen – das landet bei ihr. Zunächst ist das pragmatisch – irgendjemand muss es tun.

Die Rollen verändert das mit der Zeit aber. Zur Instanz wird die eine Person, zum Objekt der Kontrolle die andere. Darunter leiden beide, jeweils aus anderen Gründen.

Erschöpft und einsam ist die organisierende Person. Die Last trägt sie und wird für das Erinnern auch noch kritisiert. Mit einem Blick, der von Zuneigung weit entfernt ist, beginnt sie, ihre Partnerin oder ihren Partner anzusehen.

In einem Zustand permanenten Ungenügens lebt die andere Person. Seit Jahren hört sie, was sie wieder nicht geschafft hat. Diese Erfahrung bringen viele Menschen mit ADHS schon aus Schule und Ausbildung mit; in der Partnerschaft kehrt sie wieder – ausgerechnet mit dem Menschen, bei dem sie ankommen wollten.

Eine Erschöpfung, die keine Absprache mehr trägt, wächst aus diesem Gefälle. Und verloren geht etwas, das sich schwer zurückholen lässt: die Augenhöhe.

Was ich nicht mache

Keine Diagnose stelle ich. Ob bei Ihnen ADHS vorliegt, prüfe ich nicht, und ADHS behandle ich nicht. Erscheint eine Abklärung sinnvoll, sage ich das und nenne Ihnen mögliche Anlaufstellen – in fachärztliche oder psychologische Hände gehört die Diagnostik.

Was ich tue: mit Ihnen beiden an der Dynamik arbeiten, die sich um das Thema herum gebildet hat. Unabhängig davon, ob eine Diagnose vorliegt oder nicht, besteht diese Dynamik.

Was in der Paartherapie geschieht

Wir trennen Person und Funktion. Eine Funktionsfrage ist ein vergessener Termin, keine Aussage über Zuneigung. Einfach klingt diese Trennung und ist im Alltag außerordentlich schwer. Der wichtigste Schritt ist sie.

Wir bauen das Gefälle ab. Nicht, indem die organisierende Person aufhört zu organisieren – das führt nur ins Chaos. Sondern dadurch, dass Verantwortung anders geschnitten wird: nicht nach Fähigkeit, sondern nach Bereich. Wer einen Bereich vollständig übernimmt, inklusive der Erinnerung daran, steht nicht mehr in der Kindposition.

Wir arbeiten mit Systemen statt mit Vorsätzen. Bei ADHS scheitern Vorsätze zuverlässig – nicht am Willen, sondern an der Umsetzung. Äußere Strukturen sind das, was trägt: sichtbare Listen, feste Zeitpunkte, automatische Erinnerungen. Gemeinsam gebaut werden müssen diese Systeme. Nur eine neue Form der Kontrolle ist ein System, das eine Person der anderen verordnet.

Wir nehmen die Erschöpfung der organisierenden Person in den Blick. Zu kurz kommt sie in diesen Gesprächen oft, weil das Thema scheinbar der anderen Person gehört. Tut es nicht. Belastet sind beide, und beide brauchen einen Ort dafür.

Wir würdigen, was mitkommt. Eigenschaften, die eine Beziehung getragen haben, bringen viele Menschen mit ADHS mit: Spontaneität, Begeisterungsfähigkeit, ein Gespür für Situationen, hohe Präsenz, wenn etwas wirklich interessant ist. Aus dem Blick geraten diese Eigenschaften in der Erschöpfung. Sie wieder in den Blick zu holen ist kein Trostpflaster, sondern Teil der Arbeit.

Woran sich merken lässt, dass sich etwas bewegt

Daran, dass die Sprache sich ändert. Aus „Du hast schon wieder" wird „Wie kriegen wir das hin". Daran, dass die organisierende Person Dinge abgibt, ohne sofort nachzusehen. Und daran, dass die andere Person wieder von sich aus etwas anpackt, weil sie nicht mehr damit rechnen muss, dabei beobachtet zu werden.

Vergessene Termine wird es weiterhin geben. Sie hören nur auf, jedes Mal die ganze Beziehung neu zu verhandeln.

Wenn Sie zunächst allein kommen möchten

Besonders häufig ist das bei diesem Thema – und sinnvoll. Oft erscheint zuerst die Person, die organisiert und nicht mehr kann. Manchmal erscheint zuerst die Person mit ADHS, die spürt, dass sie ihre Beziehung verliert. Beides ist ein tragfähiger Anfang.

Drei Missverständnisse, die immer wieder auftauchen

„Wenn es ihm wichtig wäre, würde er es sich merken." Die schmerzhafteste Annahme ist das, und sie ist falsch. Bedeutung und Erinnerbarkeit fallen bei ADHS auseinander. Gerade das, was ihnen viel bedeutet, vergessen Menschen mit ADHS regelmäßig – und ärgern sich darüber mehr als alle anderen.

„Sie könnte sich einfach mal zusammenreißen." Kurzfristig funktioniert das und kostet enorm viel Kraft. Wer sich dauerhaft zusammenreißt, ist am Abend leer und bringt in die Beziehung nichts mehr mit. Sichtbar wird der Preis nur nicht.

„Ohne Diagnose gibt es das Problem nicht." Unabhängig von einem Befund existiert die Dynamik. Die Bearbeitung hilft, auch wenn nie jemand einen Fragebogen ausfüllt.

Was Sie zu Hause ausprobieren können

Eine einzige Regel, die in vielen Paaren spürbar entlastet: Absprachen werden nicht mündlich getroffen. Alles, was verlässlich sein soll, wird im selben Augenblick sichtbar festgehalten – im gemeinsamen Kalender, auf einer Tafel, in einer geteilten Liste. Nicht später, nicht aus dem Kopf.

Das entlastet beide. Die organisierende Person muss nicht mehr die Erinnerung sein. Die andere Person muss sich nicht mehr auf ein Gedächtnis verlassen, das an dieser Stelle nicht mitspielt.

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